2. Kirchhoffs Weg nach Heidelberg

Gustav Robert Kirchhoff wurde am 12. März 1824 in Königsberg geboren, verbrachte dort seine Kindheit, die Schulzeit und ein Physikstudium bei Franz Neumann. 1847 schloß er das Studium mit der Promotion ab, ging nach Berlin, wo er sich schon 1848 habilitierte.

Seine erste Vorlesung hielt Kirchhoff im Sommersemester 1849 als Privatdozent an der Berliner Universität über „Die mathematische Theorie des Magnetismus und der Elektrizität“. 1850 wurde er als Extraordinarius an die Universität Breslau berufen und trat dieses Amt zum Wintersemester 1850/51 an. Jeweils im Sommersemester las er dort über mathematische Physik, und zwar zunächst die Berliner Vorlesung und dann über Elastizität und über Licht, darauf war er durch sein Studium bei Neumann gut vorbereitet.

Aber er hatte sogleich im Wintersemester 1850/51 auch die Vorlesung über „Experimentalphysik“ zu halten und in jedem Wintersemester zu wiederholen. Das muß eine harte Anforderung an ihn gewesen sein, denn soweit sich feststellen läßt, hat er als Student in Königsberg keine Experimentalphysikvorlesung gehört und im Jahre 1848 nur gelegentlich in Berlin die Vorlesung von Gustav Magnus. Sein Königsberger Lehrer Franz Neumann, der ihn entscheidend prägte, konzentrierte sich auf die mathematische Behandlung physikalischer Probleme, aus seinen Arbeiten und Vorlesungen entstand die „Theoretische Physik“. Experimentalphysik las dort Ludwig Moser, aber Kirchhoff gab in der Auflistung der von ihm gehörten Vorlesungen, die er seinem Habilitationsantrag in Berlin beifügen mußte, diese Vorlesung nicht an.

Kirchhoff hatte wohl auf dem Gymnasium einen guten Physikunterricht; denn schon im zweiten Studiensemester bestand er die Aufnahmeprüfung in das von Jacob Jacobi und Neumann veranstaltete „Mathematisch-Physikalische Seminar“. Dieser Prüfung lag für den physikalischen Teil der Stoff von Ernst Gottfried Fischers „Lehrbuch der mechanischen Naturlehre“ zugrunde. Jenes Lehrbuch war 1840 in einer neubearbeiteten vierten Auflage erschienen, und es gab auch eine gekürzte Fassung, einen „Auszug zum Schulgebrauch“ dieser Auflage.

Wir können also davon ausgehen, daß Kirchhoff das Fischersche Lehrbuch kannte. Für die Breslauer Vorlesung war er dann ganz auf Lehrbücher angewiesen. Das erwähnt er auch in einer Eingabe vom 6. August 1853 an den Preußischen Kultusminister, mit der er um Erhöhung seines Gehalts nachsuchte: „die Bücher, welche ich mir verschaffen muß, namentlich die mathematischen und mathematisch-physikalischen Inhalts haben einen hohen Preis“.

Schon zur Zeit seines Studiums in Königsberg von 1842 bis 1847 waren die folgenden drei Lehrbücher der Physik erschienen:

Johann Heinrich Jacob Müller: „Pouillet´s Lehrbuch der Physik und Meteorologie für
deutsche Verhältnisse frei bearbeitet“ (1. bis 3. Auflage von 1843 bis 1847),

Wilhelm Eisenlohr: „Lehrbuch der Physik zum Gebrauche bei Vorlesungen und zum
Selbstunterricht“ (4. Auflage 1844)

Jacob Götz: „Die Elemente der Physik nach mathematischen Prinzipien zum
Gebrauche für höhere Schulen und Gymnasien“ (1846).

Ob Kirchhoff als Student diese Bücher selbst besaß, läßt sich nicht feststellen, ist aber eher unwahrscheinlich. Vom Eisenlohrschen Buch waren bis 1850 die 5. und 6. Auflage und vom Müller-Pouillet die 4. erschienen. Außerdem gab es zwei neue, einschlägige Werke:

Carl Bernhard Greiß: „Lehrbuch der Physik für Realanstalten und Gymnasien sowie
zum Selbstunterricht“ (1853),

Carl Sebastian Cornelius: Die Naturlehre nach ihrem jetzigen Standpunkte
mit Rücksicht auf den inneren Zusammenhang der Erscheinungen“ (1849).

Damit gab es für Kirchhoff genügend Material aus dem er schöpfen konnte, aber die Ausarbeitung der Experimentalvorlesung beanspruchte viel Zeit; während der Breslauer Zeit erschienen nur zwei Veröffentlichungen von ihm.

Die Vorlesung muß ihm aber sehr gut gelungen sein. Im Wintersemester 1851/52 besuchte Robert Wilhelm Bunsen seine Vorlesung, und Kirchhoff beeindruckte den 13 Jahre älteren, bereits sehr renommierten und in der akademischen Lehre erfahrenen Chemiker sehr, obwohl dies erst das zweite Mal war, daß er die Experimentalphysik las. Bunsen war zum Sommersemester 1851 nach Breslau gekommen und wechselte schon zum Wintersemester 1852/53 nach Heidelberg. Als dort dann der Physikordinarius Philipp Gustav von Jolly 1854 nach München ging, bewirkte Bunsen daß Kirchhoff als Nachfolger berufen wurde, wohl wissend, daß dessen Hauptaufgabe in Heidelberg die Vorlesung über Experimentalphysik sein würde.

Haus „Zum Riesen“ in der Heidelberger Hauptstraße,
hier war das Physikalische Institut untergebracht als Kirchhoff nach Heidelberg kam.

 
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