Gustav Robert
Kirchhoff
Das gewöhnliche Leben eines außergewöhnlichen Mannes

Gustav Robert Kirchhoff (1824 – 1887)
zählt zu den bedeutendsten Physikern seiner Zeit. Berühmt und viel besucht waren seine Vorlesungen zur experimentellen und theoretischen Physik. Sein physikalisches Werk ist sehr umfangreich, teilweise jedoch heute wenig bekannt. Aber dauerhaft mit seinem Namen verbunden sind seine Regeln für verzweigte Stromkreise, die Spektralanalyse, das Strahlungsgesetz und der schwarze Körper.

Faltblatt zur Ausstellung zu
Leben und Werk im
Kirchhoff-Institut für Physik
der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Mai 2005
Konzeption, Text und Gestaltung der Ausstellung: Prof. Dr. Klaus Hübner
(Wiedergabe des Textes nur mit Zustimmung des Autors)
Gustav Kirchhoffs Lebensweg
Königsberg 1824 – 1847
Gustav
Robert Kirchhoff wurde am 12. März 1824 in Königsberg geboren. Er besuchte nach
anfänglichem Privatunterricht dort das Kneiphöfische Gymnasium, an dem er
Ostern 1842 das Abitur ablegte. Ab dem Sommersemester 1842 immatrikulierte er
sich an der Universität für das Studium der Mathematik. Seine akademischen
Lehrer waren die Mathematiker Jacob Jacobi (1804-51) und Friedrich Julius
Richelot (1808-75) sowie der Physiker Franz Neumann (1798-1895), der als erster
Vorlesungen über Theoretische Physik hielt. Stark beeindruckt von diesem
wandte Kirchhoff sich bald ganz der Physik zu, und Neumann wurde für ihn zum
Mentor. Sein Vorbild hat die wissenschaftliche Ausrichtung und Arbeitsweise
Kirchhoffs dauerhaft geprägt.
Aus der
Bearbeitung einer von Neumann gestellten Aufgabe über den Stromdurchgang durch
eine Ebene entstand schon 1845 Kirchhoffs erste wissenschaftliche Publikation
in den „Annalen der Physik und Chemie“. In einem Anhang zu dieser Arbeit stehen
die heute nach ihm benannten Regeln für Stromkreise. 1846 bestimmte er in einer
Preisaufgabe zum ersten Mal die Induktionskonstante μ0. Die
Arbeit konnte er 1847 als Dissertation verwenden.
Berlin und Breslau 1847 – 1854
Nach der
Promotion ging Kirchhoff auf Rat seiner Lehrer nach Berlin, wo er sich schon
1848 habilitieren konnte. Dort schloss er Freundschaft mit den beiden
Physiologen Emil du Bois-Reymond und Hermann Helmholtz.
Seinen
ersten Ruf als Extraordinarius an die Universität Breslau erhielt Kirchhoff
1850, wo er neben anderem die Vorlesung über Experimentalphysik zu halten
hatte. 1851 kam Robert Wilhelm Bunsen nach Breslau, und damit begann eine
lebenslange Freundschaft zwischen den beiden. Bunsen wechselte schon nach drei
Semestern nach Heidelberg. Hier erreichte er, dass Kirchhoff 1854 auf die
vakant gewordene Physikprofessur berufen wurde. Das war eine schnelle Karriere.
Heidelberg 1854 – 1874
Kirchhoff
lebte 21 Jahre in Heidelberg. Hier verfasste er etwa zwei Drittel seiner
Veröffentlichungen, begründete zusammen mit Bunsen die Spektralanalyse und kam
im Zusammenhang damit zur Deutung der Fraunhoferschen Linien, zu seinem Strahlungsgesetz,
zur Einführung des schwarzen Körpers, zu Untersuchungen des Sonnenspektrums
und der Physik der Sonne.
Kirchhoff
nahm seine Lehrverpflichtungen immer sehr ernst und erfüllte sie gewissenhaft.
In Heidelberg hielt er in jedem Semester die Vorlesung über Experimentalphysik,
und zwar täglich von 11 bis 12 Uhr. Dazu kamen im Wechsel zweimal wöchentlich
Physikalische Übungen oder dreimal wöchentlich je eine Stunde eine Vorlesung
Theoretische Physik.
In
Heidelberg fand Kirchhoff neue Freunde, wie den Philosophen Eduard Zeller, den
Zoologen Heinrich Alexander Pagenstecher und den Mathematiker Leo Königsberger.
Am 16. August 1857 heiratete er Clara Richelot, die Tochter des Königsberger
Mathematikers. Das Paar bekam fünf Kinder: Robert, Ernst, Pauline, Friedrich
und Eveline. Frau Clara starb schon 1869. Im Dezember 1872 heiratete Kirchhoff
Luise Brömmel.
Eine erste
Beeinträchtigung seines Lebens erlitt Kirchhoff 1860, als er seine Augen bei
den Arbeiten am Sonnenspektrum überanstrengte. Ein erster großer Schicksalsschlag
traf ihn 1866; er verstauchte sich bei einem Sturz auf der Treppe einen Fuß,
musste einige Zeit einen Rollstuhl benutzen und ging danach fünf Jahre an
Krücken. Das Fußleiden ist er nie mehr ganz losgeworden.
Seine
Heidelberger Zeit bezeichnet Kirchhoff dennoch als die glücklichste seines
Lebens. Dreimal hat er einen Ruf abgelehnt, 1870 und 1872 an die Universitäten
Berlin und Würzburg und 1874 als Direktor an das neu gegründete
Astrophysikalische Institut in Potsdam. Ende 1874 entschloss er sich aber
doch, einen Ruf auf eine hochdotierte Stellung an der Preußischen Akademie und
als Ordinarius an der Universität in Berlin anzunehmen.
Berlin 1875 - 1887
Am 22. April 1875 übersiedelte
Kirchhoff nach Berlin und begann schon am 28. mit den Vorlesungen. Aber die
Umstellung auf das Leben in Berlin fiel schwer. Frau Luise trauerte Heidelberg
sehr nach, und für Kirchhoff selbst war die Veränderung gewaltig. In Heidelberg
hatte er Institut, Hörsaal und Wohnung in einem Haus, in Berlin war er weit von
Universität und Akademie entfernt.
In Berlin
führte Kirchhoff ein stilles, aber reichhaltiges Gelehrtenleben, so wie es von
der Akademie gedacht war; seine Haupt- und Lieblingsbeschäftigung waren
allerdings die Vorlesungen an der Universität, auf die er viel Mühe verwandte.
Dabei entstand die erste Kursvor-lesung der Theoretischen Physik, aufgeteilt in
vier Semester: Mathematische Optik, Theorie der Wärme, Theorie der Elektrizität
und des Magnetismus, Mechanik fester und flüssiger Körper, die Kirchhoff ab dem
Wintersemester 1875/76 regelmäßig hielt.
In Berlin
schloss Kirchhoff neue Freundschaften mit Werner von Siemens und dem
Industriellen Gustav Hansemann, der ein privates Labor besaß, und mit dem
Kirchhoff gelegentlich zusammen experimentierte.
Neben
seinen Verpflichtungen gegenüber der Akademie und der Universität hat Kirchhoff
auch sonst am wissenschaftlichen Leben der Hauptstadt teilgenommen, so im
Elektrotechnischen Verein, in der Physikalischen Gesellschaft und im Orden
pour le merite.
Um 1880, obwohl erst 56 Jahre alt, begann Kirchhoff zu
kränkeln. Im Sommersemester 1884 musste er seine Vorlesung auf dringenden Rat
der Ärzte abbrechen. Im Wintersemester 1885/86 nahm er die Vorlesungen noch
einmal unter großen Anstrengungen auf. Dann zeigten sich Schwindel und
Fieberanfälle, deren Ursache in einem Gehirntumor vermutet wird. Er ertrug
seine Leiden mit Geduld und Sanftmut. Am Morgen des 17. Oktober 1887 ist
er nach einem Fieberanfall verstorben.
Seine Grabstätte auf dem St.-Matthäus-Friedhof existiert
heute noch als Ehrengrab der Stadt Berlin.
Kirchhoffs erste Veröffentlichung
„Ueber
den Durchgang eines elektrischen Stromes durch eine Ebene, insbesondere durch
eine kreisförmige“
entstand schon während seiner Studentenzeit aus der Bearbeitung einer Seminaraufgabe. Er berechnet darin den Verlauf der Äquipotentiallinien in einer solchen Ebene und prüft sein Ergebnis durch Messungen an einer kreisförmigen Kupferplatte.
Diese Messung ist in der Ausstellung in einem Knopfdruckexperiment nachgestellt. Auf einer kreisförmigen Kupferplatte in der von Kirchhoff verwendeten Größe sind die von ihm mittels Sonden ausgemessenen Äquipotentiallinien eingraviert. Die Sonden sind hier durch feste Anschlüsse ersetzt. Wie bei Kirchhof dient zur Spannungsmessung ein Multiplikator, ein Vorläufer der Galvanometer.
Auf Knopfdruck wird das Messinstrument zunächst zwischen zwei Potentiallinien geschaltet und die Nadel schlägt aus. Dann wird zwischen zwei Punkte auf einer Linie umgeschaltet, und die Nadel kehrt in ihre Ruhelage zurück.

Kirchhoffs Messergebnisse: 51 Messpunkte auf sieben Potentiallinien. Das Signet unseres Instituts ist aus dieser Zeichnung abgeleitet.
Spektralanalyse
Bunsen und Kirchhoff haben ab 1859 systematische Untersuchungen von Spektren vorgenommen und als erste sicher nachgewiesen, dass leuchtende Stoffe mittels der von ihnen emittierten Spektrallinien identifiziert werden können.

Der erste Spektralapparat von Kirchhoff und Bunsen, mit dem sie die Spektralanalyse begründet haben, war ein Provisorium aus zwei Fernrohren und einem drehbaren Prisma.

Das erste von Kirchhoff und Bunsen veröffentlichte
Spektrum
Oben das Sonnenspektrum mit den Fraunhoferschen Linien,
darunter die Spektren von Kalium, Natrium, Lithium,
Strontium, Calcium und Barium.
